Hintergrund

Neben den offensichtlichen historischen Verweisen zu funktionaler Architektur und dem „Bauhaus-Stil“ entdeckten die Macher/innen der Internationalen Sommerschule Bernau während der Entwicklungsphase weitere Schnittstellen und Verbindungen zu ihrem Konzept in der Geschichte des Baudenkmals Bundeschule Bernau. Auch wenn sich kein Zitat von Hannes Meyer finden lässt, in dem er den Campus als „gebaute Pädagogik“ beschreibt, taucht der Begriff immer wieder in der Literatur über ihn und das Gebäude auf. Die Idee, dass eine Architektur positiv auf den Lernprozess einwirken kann – zum Beispiel, dass die Klarheit der Formsprache einer Öffnung des Geistes gleichkommt – lässt sich auf dem gesamten Gelände des Campus spüren.

Eine weitere Referenz liegt in der Idee der Zusammenarbeit und des Kollektivs. 1928 war Hannes Meyer Direktor des Bauhauses in Dessau. Als überzeugter Marxist benutzte Meyer seine Position, um den Lehrplan am Bauhaus drastisch umzustrukturieren und neu zu denken. Die Wissensvermittlung lag nun nicht mehr ausschließlich in der Hand des Lehrenden, sondern die Inhalte wurden im Kollektiv erarbeitet und analysiert. Dementsprechend waren an der Entwicklung des Entwurfs der Bundesschule Bernau nicht nur Hannes Meyer, sondern auch Hans Wittwer, Leiter des Baubüros, und eine Vielzahl von Studierenden beteiligt. Das Gebäude war somit auch ein Produkt der von Meyer etablierten „vertikalen Brigaden“. Der Entwurf und der Bau des Gebäudes im „Kollektiv“ sind historisch nicht durchgängig belegt. Insbesondere in der Literatur zur Bundeschule ist das Gebäude meist Meyers Werk, Hans Wittwer wird oft nur in einer Fußnote erwähnt und die Namen der Studierenden als Mitglieder der vertikalen Brigaden sind längst vergessen. Auch wenn der Begriff der vertikalen Brigaden als problematisch empfunden werden kann, da er nach heutiger Lesart eher die Festschreibung einer hierarchischen Lehrstruktur beschreibt, bleibt Meyers Idee der „vertikalen“ Durchlässigkeit an der Grenze zwischen Lehrenden und Lernenden ein wichtiger Impuls für das Konzept der Sommerschule Bernau.

schule-montage

Mit der Schließung des Bauhauses in Dessau durch die Nationalsozialisten 1932 endete seine Ära in Deutschland. Neben Meyer, der schon 1930 nach Russland emigrierte, verließ eine Vielzahl der Bauhaus-Lehrenden das Land. So auch Anni und Josef Albers. Anni Albers entwickelte den Stoff und entwarf die Wandverkleidung für die Aula der Bundesschule Bernau. Gemeinsam mit ihrem Mann Josef Albers, Leiter der Grundlehre während Meyers Zeit als Direktor, emigrierte sie in die USA. Sie brachten die experimentellen Gedanken und alternativen Lehrmethoden an einem neuen Ort ein – dem Black Mountain College in Asheville, North Carolina. 1933 gegründet von John Rice, galt das Black Mountain College als liberale Kunstschule mit interdisziplinärem Vermittlungsansatz. Mit diesem, für die damalige Zeit radikalen Ansatz, entstand am Black Mountain College ein Umfeld, das einer Revolution in der Kunst und der Wissenschaft gleichkam. Auch wenn eine Revolution nicht das erklärte Ziel der Sommerschule Bernau darstellt, so wollen wir uns während unseres zweiwöchigen Programms trotzdem die Ansätze dieses Vorgängermodells zu eigen machen und weiterentwickeln.

WeiterfĂĽhrende Informationen:
Kollektiv – Jahresthema 2015 der Stiftung Bauhaus in Dessau
Anni Albers’ Wandbespannungsmaterial
Website des Black Mountain College Museum und die Website des Black Mountain Research Projekts.